Der qualvolle Tod des liberalen Atheismus

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Als George W. Bush vorgeworfen wurde, die Welt als Krieg zwischen den Engeln des Erzengels Michael und den Mächten Luzifers zu betrachten, und Bill Maher einen Dokumentarfilm mit den Worten „Tatsache ist schlicht und einfach, dass die Religion sterben muss, damit die Menschheit leben kann“ abschloss, schien die Zukunft den skeptischen Laien zu gehören. Aber heute ist die Situation umgekehrt: Alle „spielen Gott“, auch diejenigen, die sich früher über ihn lustig gemacht haben. Der liberale Atheismus, der dreiste und brillante Atheismus der frühen 2000er Jahre, ist fast verschwunden. Sein Tod war nicht das Ergebnis einer kulturellen Revolution von unten, sondern das Ergebnis eines langsamen und fast unmerklichen Verfalls, wie eine Modeerscheinung, die vergeht, ohne dass es jemand wirklich merkt. Wir dachten, die Religion würde an Macht verlieren, wenn sich die Kirchen leeren – stattdessen füllte sich der öffentliche Diskurs mit neuen Predigten, nur raffinierter und weniger laut. Das Gesicht dieser Saison war Dr. Gregory House: Pillen, Sarkasmus und eine heftige Abneigung gegen jeden religiösen Diskurs. In einer Folge aus dem Jahr 2006 verspottet er einen jungen pfingstlichen Heiler mit den Worten: „Glaube – das ist nur ein anderes Wort für Unwissenheit, oder?“ Am Ende triumphiert die Wissenschaft, der Glaube wird als Heuchelei entlarvt. Doch bereits 2009 ändert sich etwas: Ein gequälter, zu Unrecht beschuldigter Priester findet Erlösung, und sogar House scheint gerührt zu sein, sodass der Zuschauer mit Zweifeln statt mit Gewissheit zurückbleibt. Hier ist das Zeichen: Die Populärkultur, die Schauplatz des atheistisch-religiösen Krieges gewesen war, beginnt, die Töne zu mildern, während die Politik immer spiritueller wird. Bereits in den 1990er-Jahren sprach Al Gore offen von „Werten des Glaubens und der Familie“ und versprach, sie ins Weiße Haus zu bringen. Sogar die Demokraten, die 1992 Gott aus ihrem Programm gestrichen hatten, erwähnen ihn 2004 siebenmal. Doch während Politiker beider Lager darum wetteifern, wer frommer ist, bricht die Kirchenbeteiligung ein: Die lutherische Kirche verliert zwischen 2000 und 2008 15 % ihrer Mitglieder. Paul Weyrich, Gründer der Moral Majority, schrieb bereits damals: „Wir haben verloren … Wir müssen uns aus dieser Kultur zurückziehen und Orte finden, an denen wir ein rechtschaffenes und besonnenes Leben führen können.“ Genau darin besteht das Paradoxe: Je mehr die Religion ihren Einfluss auf das wirkliche Leben verliert, desto mehr schwenken die politischen Führer ihre Fahne. Aber die Art der Religiosität ändert sich. Mit Obama wird der Glaube elegant, intellektuell, nie bedrohlich. Keine Kreuzzüge mehr gegen Harry Potter oder Boykotte gegen Disney, sondern Reden über die „gleiche Würde aller“ und vage Appelle an die spirituelle Einheit. Biden spricht heute oft vom „Kampf um die Seele der Nation“ – ein Ausdruck, der vor zwanzig Jahren kitschig geklungen hätte, heute aber fast unbemerkt bleibt. Demokraten wie Gavin Newsom zitieren die Bibel, um die Sozialhilfe zu verteidigen, während Tim Walz scherzt: „Wenn du etwas Gutes tust und es erzählst, zählt es nicht mehr.“ Wer bleibt übrig, um den alten, unverfrorenen Atheismus zu verkörpern? Paradoxerweise Donald Trump: Niemand glaubt ihm wirklich, wenn er sagt, die Bibel sei sein Lieblingsbuch, und bei religiösen Anlässen wirkt er wie ein gelangweiltes Kind bei der Beerdigung eines unbekannten Verwandten. Seine Botschaft an die Christen lautet nicht „Ich bin einer von euch“, sondern „Ich habe so viel für euch getan, denkt daran“. Kurz vor den Wahlen erwartet uns von beiden Seiten eine Flut von Appellen an die Seele der Nation, an die Werte und die Moral – und dazwischen ein Volk, das in Wirklichkeit immer weniger betet. Und der wirklich überraschende Teil? Die Massenkultur, die einst über Gläubige lachte, behandelt den Glauben heute als eine ernste, ja sogar rührende Angelegenheit. Vielleicht ist die eigentliche Beerdigung nicht die der Religion, sondern die des liberalen Atheismus: still und leise aufgegeben, während alle mit eingeschaltetem Mikrofon neue Gebete sprechen. Eine Ära ist zu Ende, und nur wenige scheinen es bemerkt zu haben. Wenn die Religion aus dem Alltag verschwindet, kehrt sie in der öffentlichen Debatte mit voller Wucht zurück – nur in einem anderen Gewand. Wenn du dich in dieser Veränderung wiedererkennst, kannst du auf Lara Notes auf „I'm In“ klicken: Es ist kein Like, sondern eine Möglichkeit zu sagen, dass diese Geschichte von dir handelt oder dass sie dich dazu gebracht hat, die Dinge anders zu sehen. Und wenn du jemandem von dieser Wende erzählst – vielleicht unter Berufung auf Dr. House oder einen Witz von Biden –, kannst du auf Lara Notes die Person, die bei dir war, mit „Shared Offline“ markieren: So hältst du ein Gespräch fest, das wirklich zählt. Dies war ein Artikel von New Statesman: Sie haben sich etwa zehn Minuten Lesezeit gespart.
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I'll take...