Die Erfindung der Seele
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Stellen Sie sich vor, Sie erhalten einen Reisepass, der Ihnen aber nicht nur die Erlaubnis zum Reisen gibt, sondern Ihnen auch eine neue Identität verleiht: Ihre Seele. Anatole France, ein französischer Schriftsteller, erzählte von einem Mönch, der Pinguine taufte, weil er sie für Menschen hielt, was Gott und die Heiligen in Verlegenheit brachte: „Müssen wir ihnen jetzt auch noch eine Seele geben?“ Die Lösung? Ja, eine Seele, aber eine kleine. Es mag absurd klingen, aber diese Szene offenbart etwas, das uns oft entgeht: Die Seele wird uns nicht von Gott oder von unseren Genen gegeben, sondern wir bauen sie gemeinsam durch die Kultur und vor allem durch die Sprache auf. Alles, was wir über die Seele denken – ob sie der göttliche Funke, das Zentrum unseres Bewusstseins oder das ist, was uns einzigartig macht – ist nicht in unserer Biologie verankert, sondern ergibt sich aus der Art und Weise, wie unsere Gemeinschaft uns sieht, und aus dem, was wir über uns selbst erzählen. Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, die Seele sei ein Objekt, eine magische Substanz, die wie eine Batterie in uns eingesetzt wird. Descartes stellte sie sich so vor: Materie und Geist, auf geheimnisvolle Weise vereint. Doch die Wahrheit ist noch verblüffender. Die Seele ist eine Art sozialer Pass: eine kulturelle Garantie für unsere Identität, die existiert, weil alle um uns herum sie anerkennen und stärken. Wie der britische Pass, der Ihnen auf der ersten Seite Rechte garantiert, wohin Sie auch gehen, so ist auch die Seele ein kollektives Versprechen: Sie sind wertvoll, Sie sind jemand, Sie haben das Recht, das Leben als Protagonist zu gestalten. Nehmen wir den persönlichen Bericht des Autors, der als Kind stundenlang auf seinen ersten Reisepass starrte: Er hatte das Gefühl, allein wegen dieses Stücks Papier mehr wert zu sein. So funktioniert es auch mit unserem Bewusstsein: Das Gefühl, jemand zu sein, entsteht durch die Anerkennung durch andere und durch die Geschichte, die wir über uns selbst erzählen. Aber es gibt noch ein überraschenderes Detail: Niemand nimmt das Rot eines Mohns, das Salzige einer Sardelle oder den Schmerz eines Bienenstichs genau so wahr wie Sie. Wir alle sind in eine eigene „Blase“ von Empfindungen eingetaucht, die niemand sonst auf die gleiche Weise erleben kann. Wir sind nicht nur passive Empfänger der Realität, sondern aktive Schöpfer unserer Erfahrungen. Wenn Sie eine Farbe sehen, registriert Ihr Gehirn nicht nur eine Frequenz, sondern inszeniert ein kleines inneres Schauspiel, ein „Rot“, das Ihnen und niemandem sonst gehört. Und diese Darstellung wird zum Bewusstsein, wird zur Seele. Die eigentliche Revolution kommt jedoch mit der Sprache. Vor etwa 200.000 Jahren haben die Menschen einen Weg gefunden, über ihr Inneres zu sprechen, anderen einen ähnlichen Geist zuzuschreiben und das persönliche Fühlen zu etwas Heiligem zu erheben. In diesem Moment wurde aus dem bloßen Fühlen – der Fähigkeit zu fühlen – eine Person, und aus der Person wurde eine Seele: ein kollektives Konstrukt, eine Geschichte, die wir uns selbst erzählen und die erstaunlicherweise funktioniert, obwohl sie zum Teil eine gemeinsame Fiktion ist. Warum glauben wir dann so sehr daran? Vielleicht, weil uns, wie der Autor behauptet, der Gedanke, eine Seele zu haben, geholfen hat, besser zu leben, einander mehr zu respektieren und in anderen nicht nur Körper, sondern auch innere Welten zu sehen, die es zu achten gilt. Wir sind zu einer Spezies geworden, die im „Land der Seelen“ lebt: einem mentalen Umfeld, in dem der Wert des Menschen, seine Einzigartigkeit und seine Freiheit in den Mittelpunkt gerückt sind. Tiere haben ein Bewusstsein, aber in diesem Sinne keine Seele: nicht, weil ihnen etwas Natürliches fehlt, sondern weil der kulturelle Rahmen fehlt, der das Fühlen in eine Person und die Person in etwas Heiliges verwandelt. Heute versucht die Wissenschaft, das Bewusstsein als Produkt des Gehirns zu erklären, aber es gibt auch jene, die eine schockierende These vertreten: Das Bewusstsein und damit die Seele seien gelungene Illusionen. Sie existieren, weil das Gehirn sich selbst Geschichten über sich selbst erzählt. Es ist nicht nötig, eine magische Substanz zu finden: Es genügt zu verstehen, dass die bewusste Erfahrung eine Repräsentation ist, eine Art mentale Kunst. Die Angst besteht darin, dass sie, wenn sie eine Illusion ist, „nicht wirklich existiert“. Doch der Autor dreht die Perspektive um: Die Tatsache, dass es ein Produkt der Vorstellungskraft ist, macht es nicht weniger real – im Gegenteil, es als kollektives Kunstwerk zu erleben, ist vielleicht das höchste Ziel der Menschheit. Jungs Satz, mit dem er seinen imaginären Gott rettete, indem er ihn dazu brachte, zu akzeptieren, dass er ein Traum ist, fasst alles zusammen: Manchmal ist die Erklärung, dass wir das Produkt der Vorstellungskraft sind, genau das, was uns rettet. Mensch sein bedeutet, in einem Land zu leben, in dem Ideen mächtiger werden als Dinge und in dem die Seele – selbst wenn sie erfunden ist – uns einzigartig und unwiederholbar macht. Das eigentliche Wunder besteht nicht darin, eine Seele zu haben, sondern sie gemeinsam erfunden zu haben. Wenn der Gedanke, dass deine Seele aus der Kultur und nicht vom Himmel stammt, dich dazu gebracht hat, alles in einem anderen Licht zu sehen, kannst du auf Lara Notes auf „I’m In“ klicken – wähle aus, ob dich diese Perspektive fasziniert, ob du sie erlebt hast oder ob du wirklich daran glaubst. Und wenn du morgen jemandem erzählst, dass die Seele im Grunde genommen ein sozialer Pass ist, kannst du dieses Gespräch auf Lara Notes mit „Shared Offline“ markieren – denn bestimmte Wendungen verdienen es, gemeinsam in Erinnerung zu bleiben. Das war von Aeon: Du hast dir mehr als zwanzig Minuten Lesezeit gespart und nimmst eine Frage mit nach Hause, die dich nicht mehr loslassen wird.
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