Jahr 33: Die Kreuzigung Jesu | Wenn die Geschichte Geschichte schreibt | KUNST

Frenchto
Die Zeit der Passion. Wie die Kreuzigung Jesu unsere Geschichte prägte. Stell dir vor, was es bedeutet, zu sagen, man sei im Jahr 1965 geboren – nach Christus, im Zeitalter, das mit seiner Geburt beginnt. Doch eigentlich gibt die Kreuzigung Jesu erst die Richtung dieses Zeitalters vor. Ein Ereignis irgendwo zwischen 27 und 33 unserer Zeitrechnung, das nicht nur ein religiöses Symbol, sondern auch einen Wendepunkt der Menschheitsgeschichte markiert. Die Kreuzigung war eine römische Strafe für Aufständische, Sklaven und diejenigen, denen selbst die Würde der Enthauptung verweigert wurde. Dass ausgerechnet dieses Symbol, der qualvolle Tod am Kreuz, zum Zeichen einer weltumspannenden Religion wurde, war für viele zunächst skandalös und unverständlich. Doch genau in diesem Moment, an diesem Ort, begann das Christentum, den Lauf der Zeit zu kolonisieren. Jérusalem, die Stadt, in der alles begann, war damals eine marginalisierte, von den Römern brutal unterdrückte Provinz. Jesus, ein jüdischer Wanderprediger, der von Wundern und Umsturz träumte, wurde von Pontius Pilatus – dem römischen Statthalter – zum Tod am Kreuz verurteilt, als „König der Juden“. Dieses Schicksal wurde später zum zentralen Glaubensbekenntnis der Christen: Durch seine Kreuzigung und Auferstehung, so heißt es, nimmt Jesus die Sünden der Menschheit auf sich. Doch die Evangelien erzählen diese Geschichte unterschiedlich. Vier Berichte, voller Widersprüche und interpretierender Stimmen – Zeichen dafür, dass das Christentum aus der Vielfalt des Judentums hervorging und bis heute von unendlicher Auslegung lebt. Zeitgenössische jüdische Chronisten wie Flavius Josephus beschrieben den Aufruhr und die politische Sprengkraft dieser Zeit, in der viele auf einen messianischen Befreier hofften. Jesu Tod war somit nicht nur spirituell, sondern auch zutiefst politisch. Wo genau der Kreuzigungshügel Golgotha lag, ist bis heute umstritten. Die ersten Pilger suchten Jahrhunderte später nach den Spuren Jesu in Jerusalem, wollten die Orte seines Leidens physisch berühren. Der heutige Heilige Sepulchre, mit seiner verworrenen Geschichte und den vielen religiösen Gemeinschaften, spiegelt die Zerrissenheit und Vielschichtigkeit Jerusalems wider – ein Ort voller Spuren, Leerstellen und Erinnerungen. Historisch lässt sich Jesu Tod wahrscheinlich auf den 3. April 33 datieren, als eine Mondfinsternis den Himmel blutrot färbte – ein kosmisches Echo biblischer Prophezeiung. Doch als das Christentum sich ausbreitete, entstand die Frage: Beginnt unsere Zeitrechnung mit der Passion oder mit der Geburt Jesu? Erst im 6. Jahrhundert setzte sich der Beginn mit der Geburt durch – ein Wechsel, der unsere Kalender bis heute prägt. Wäre es anders gekommen, hätten sich die Jahrhunderte verschoben, und unsere Gegenwart hätte ein anderes Gesicht. Und doch: Während die Kontrolle über die heiligen Stätten in Jerusalem umkämpft bleibt, hat sich die christlich geprägte Zeitrechnung fast unmerklich weltweit durchgesetzt. Das Christentum hat nicht nur Räume, sondern vor allem den Fluss der Zeit für sich beansprucht – scheinbar sanft, aber mit einer tiefgreifenden Wirkung, die noch heute unseren Alltag bestimmt. So lebt das Vermächtnis der Passion fort: in unseren Kalendern, unseren Feiertagen und im fortwährenden Ringen um die Deutung der Geschichte.
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