Warum ist es so schwer, über Krankheiten zu schreiben?

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Virginia Woolf schrieb einmal, es sei seltsam, dass die Krankheit, obwohl sie so alltäglich ist und uns zutiefst verändern kann, neben der Liebe, dem Krieg und der Eifersucht nicht zu den großen Themen der Literatur gehört. Und das Erstaunliche ist, dass diese Frage fast hundert Jahre später immer noch keine wirkliche Antwort gefunden hat. Die meisten Romane handeln von Leidenschaften und spektakulären Todesfällen, aber das körperliche Leiden, der Alltag des Schmerzes, scheint sich den Worten immer zu entziehen, auch heute, da die Schwelle des Schamgefühls gesunken ist. Der springende Punkt ist folgender: Wir glauben, dass es beim Erzählen über eine Krankheit nur darum geht, die Scham zu überwinden, aber das eigentliche Hindernis besteht darin, dass der Schmerz selbst die Sprache zersetzt. Wenn man krank ist, kann man nicht einmal denken, geschweige denn schreiben. Und wenn der Schmerz dann nachlässt, wird die Erinnerung verschwommen: Wir erinnern uns daran, dass wir gelitten haben, aber wir sind nicht mehr in der Lage, dieses genaue Gefühl wiederzugeben, als ob der Körper seine Worte mit sich nähme. Woolf, die in ihrem Essay „On Being Ill“ „epische Gedichte über Typhus, Oden auf die Lungenentzündung, Lieder über Zahnschmerzen“ forderte, spricht in Wirklichkeit nie über ihren eigenen Körper, auch nicht, wenn sie krank schreibt. Ihre Bilder sind abstrakt, spirituell, als wäre die physische Realität immer noch zu intim oder zu schwer fassbar, um laut ausgesprochen zu werden. Auf der anderen Seite steht D. H. Lawrence, der Sohn eines Bergarbeiters, der zwischen Staub und Bronchitis aufwuchs und in seinen Romanen die Krankheit in den Mittelpunkt der Wendepunkte im Leben stellt. Nach einer Lungenentzündung, die ihn fast das Leben gekostet hätte, schreibt Lawrence an Louie Burrows: „Meine Krankheit hat mich sehr verändert, sie hat viele der alten Bindungen zerrissen.“ Und kurz darauf lernt er Frieda Weekley kennen, die später seine Frau werden sollte. Lawrence glaubte, dass Krankheit „unbekannte Länder“ in uns offenbart, aber auch er verwandelt die körperliche Erfahrung oft eher in Epiphanien der Seele als in eine Schilderung körperlicher Details. Heute gibt es Schriftstellerinnen wie Christine Smallwood, die ihren Roman damit beginnt, dass die Protagonistin in einer Universitätstoilette Blut und Stuhl gleichzeitig ausscheidet, oder Lena Dunham, die ihre entfernte Gebärmutter als „die Chanel-Tasche aus Chinatown der Albträume, voller subtiler und offensichtlicher Mängel“ beschreibt. Diese Bilder hätten Woolf wahrscheinlich schockiert, aber sie selbst schrieb: „Wir fürchten uns immer vor der Originalität, und doch haben wir das Gefühl, dass wir, sobald wir den Schock überwunden haben, gestärkt und gereinigt wieder auferstehen könnten.“ Aber auch die Offenheit allein löst das Problem nicht: Die Literatur ist voller spektakulärer Todesfälle, aber die echte Krankheit, die sich hinzieht, bleibt schwer fassbar und lässt sich nur schwer in eine Handlung verwandeln. Tolstoi konzentriert sich in „Der Tod des Iwan Iljitsch“ mehr auf die existenzielle Angst als auf die „alltägliche Dramaturgie des Körpers“. Der französische Schriftsteller Alphonse Daudet, der an einer grausamen Form der Syphilis litt, versuchte, seinen Schmerz in „Im Land des Schmerzes“ zu schildern, gab aber zu, dass „die Worte erst kommen, wenn alles vorbei ist, wenn sich die Dinge beruhigt haben“. Elaine Scarry, eine Forscherin auf dem Gebiet des körperlichen Schmerzes, argumentiert, dass „Schmerz keine Stimme hat“ und dass der Schmerz anderer „im Geist aufblitzt und dann verschwindet“. Dennoch wusste Woolf im Privaten, wie sie ihr Unwohlsein benennen konnte: In ihrem Tagebuch spricht sie von „einem ordentlichen Maß an Nagetiergebiss im Hinterkopf“ und von „einem Körper, der wie der Mantel eines Arbeiters daliegt“. Die Schwierigkeit liegt also nicht in der Unfähigkeit, sondern in der Zensur, im Schamgefühl, vielleicht in der Angst, zu stören. Garth Greenwell, Dichter und Romancier, schildert in „Small Rain“ eine Aortendissektion, d. h. einen Riss der Hauptschlagader des Körpers, mit so präzisen Details – der Tropf, der kaum schmerzt, bis die Krankenschwester ihn tiefer hineindrückt –, dass der Schmerz auf dem Papier endlich real wird. Aber auch er ringt mit dem Dilemma eines jeden Autors: Wie kann man dem Einzelnen treu bleiben, ohne die universelle Bedeutung zu verlieren? Und wie kann man einer Geschichte einen Sinn geben, die in der Realität oft weder Heilung noch Tod bietet, sondern nur das lange Schwebezustand einer chronischen Krankheit? Susan Sontag sagt nach ihrer Auseinandersetzung mit dem Krebs, dass „Krankheit keine Metapher ist“ und dass man die tatsächlichen Gegebenheiten ohne Romantisierung schildern muss. Doch vielleicht besteht der Schlüssel nicht darin, zwischen Zeugnis und Symbol zu wählen, sondern ein Gleichgewicht zu finden. Anne Boyer schildert in ihren Memoiren „The Undying“ die Chemotherapie und die Mastektomie mit klarsichtiger Wut: „Alles, was drinnen bleiben sollte, scheint jetzt herauszufallen.“ Aber sie verwandelt ihre Geschichte auch in eine Anklage gegen ein System, das am Leiden profitiert und die Rhetorik des „positiven Denkens“ vorschreibt. Die Krankheit, schreibt sie, „offenbart keine verborgenen Wahrheiten über die Seele, aber sie sagt viel über die Welt aus, die uns umgibt“. Und am Ende, nach all dem Leid, gibt Boyer zu: „Ich habe einige neuronale Mitochondrien, meine Schönheit, viele Erinnerungen, viel Intelligenz und optimistisch gesehen fünf oder zehn Lebensjahre an die heilenden Kräfte der medizinischen Dezimierung verloren.“ Aber sie fügt hinzu: „Der Zustand des Verlorenseins ist, wenn es darum geht, Menschen zu sein, das, was uns letztendlich real macht.“ Krankheit isoliert uns, das stimmt, aber niemand durchlebt das Leiden wirklich allein: Es gibt Ärzte, Familienmitglieder, Pflegekräfte, und die Literatur selbst kann eine Möglichkeit sein, zusammenzustehen. Während der Covid-Pandemie erlebte Camus' „Die Pest“ ein Revival, weil sie genau das zeigt: Leid ist sowohl individuell als auch kollektiv, und die Pflicht des Arztes – wie die des Schriftstellers – besteht darin, die Masse und das Individuum, den Einzelfall und die Geschichte zusammenzuhalten. Letztendlich ist das Schreiben das Zeichen der Rückkehr ins Leben: Nach Tagen der Krankheit fühlte sich Woolf erst wieder lebendig, wenn sie schreiben konnte. Wenn du also das nächste Mal denkst, dass Krankheit nur eine stumme Klammer ist, dann denk daran, dass der Versuch, davon zu erzählen – auch wenn es schlecht gelingt – bereits eine Möglichkeit ist, den Faden der Realität und vielleicht auch den zu anderen Menschen wiederzufinden. Das Leiden löscht die Worte aus, aber gerade indem wir versuchen, es zu benennen, können wir wieder lebendig werden. Wenn diese Perspektive bei dir etwas in Gang gesetzt hat, kannst du auf Lara Notes I'm In markieren: Das ist kein Like, sondern eine Art zu sagen, dass diese Idee jetzt Teil von dir ist. Und wenn Sie versuchen, jemandem die Geschichte von Woolf oder Boyer zu erzählen, können Sie diesen Moment auf Lara Notes mit Shared Offline markieren: So bleibt das Gespräch auch in der Erinnerung derer, die dabei waren. Diese Notiz stammt aus The New Yorker und spart Ihnen 12 Minuten Lesezeit.
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